Führen im Alltag

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Führen im Alltag · Selbstwert
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Führen im Alltag · Teil 2 · Was dahintersteckt

Selbstwert. Führen, auch wenn du dich nicht bereit fühlst.

Warum Härte gegen dich selbst dich nicht besser macht – und wie du freundlich und klar mit dir umgehst, gerade in den ersten Monaten einer Führungsrolle.

Einheit starten → ≈ 16 Min. · 3 Übungen · Selbstcheck · 10-Tage-Protokoll als PDF
Warum diese Einheit

Das hier ist keine Fall-Einheit, sondern eine Grundlagen-Einheit: kein Gesprächswerkzeug für ein Gegenüber, sondern ein Denkwerkzeug für dich selbst. In Teil 1 ging es darum, wer du als Führungskraft sein willst (1.1) und dass du mit anderen Führungskräften nicht allein bist (9.2). Hier geht es um etwas, das davor liegt: wie du mit dir redest, wenn es nicht läuft.

Mit 24 war ich stellvertretender Küchenchef in Frankreich. Zwei Tage vor Saisonbeginn fiel der Küchenchef wegen einer schweren Krankheit aus – vor einer schwierigen Saison, mit vielen neuen Führungskräften und Mitarbeitern und Problemen ohne Ende. Ich musste übernehmen. Innerlich war ich alles, nur nicht bereit. Aber ich wusste, dass ich keine Wahl hatte.

In diesen Selbstzweifeln war ich gefangen, und herausgekämpft habe ich mich mühsam. Heute ist genau das meine Motivation: jüngeren Führungskräften etwas an die Hand zu geben, falls sie einmal an derselben Stelle stehen. Diese Einheit ist das, was ich mir damals gewünscht hätte.

Zum Einstieg

Freitagabend, volles Haus. Du bist seit drei Wochen Restaurantleiter. Eine Reservierung für zwölf Personen ist untergegangen – du hast sie am Vormittag angenommen und nicht eingetragen. Der Gastgeber ist laut, dein Team improvisiert, der Direktor schaut herüber. Um halb zwei liegst du wach: „Ich bin dafür nicht gemacht.“

Nicht der Fehler hält dich wach. Sondern der Satz, den du danach über dich sagst.

Und genau dieser Satz entscheidet, wie du morgen führst.

Was du danach kannst

Deine Lernziele

Nach dieser Einheit kannst du:

Kernidee & Hintergrund

Du brauchst nicht mehr Selbstwert. Du brauchst einen anderen Umgang mit dir.

Fast jede neue Führungskraft kennt das Gefühl, eigentlich noch nicht bereit zu sein. Das ist kein Zeichen, dass du in der Rolle falsch bist. Das Selbstwertgefühl wächst zwischen der Jugend und dem dreißigsten Lebensjahr stark, danach langsamer bis etwa sechzig. Wer mit Mitte zwanzig ein Team übernimmt, steht also mitten in dieser Phase. Die Zweifel gehören dazu.

Der naheliegende Rat lautet: an deinem Selbstwert arbeiten, dir mehr zutrauen, dir Mut zusprechen. Die unbequeme Wahrheit ist: Mehr Selbstwert macht nicht automatisch besser. Eine große Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass die Vorteile eines hohen Selbstwerts für Leistung und Beziehungen deutlich überschätzt werden. Oft folgt der Selbstwert dem Erfolg – nicht umgekehrt. Und unter den Menschen mit sehr hohem Selbstwert sind auch die Überheblichen.

Dazu kommt: Meistens hängt der Selbstwert an Bedingungen. „Ich bin gut, wenn der Service läuft. Wenn der Direktor zufrieden ist. Wenn mir kein Fehler passiert.“ So ein Selbstwert muss ständig verteidigt werden, und das kostet – Lernen, Beziehungen, Gesundheit. Studierende, deren Selbstwert an ihren Noten hing, erlebten an Tagen mit schlechten Noten deutliche Einbrüche. In der Hotellerie ist jeder Tag ein Notentag: jede Bewertung, jede Beschwerde, jeder Blick des Direktors.

Die Alternative: Selbstmitgefühl

Selbstmitgefühl heißt, mit dir so umzugehen wie mit einem guten Freund, der gerade einen Fehler gemacht hat. Das klingt weich. Es besteht aber aus drei ziemlich handfesten Teilen:

Freundlich statt verurteilend Verbunden statt allein Wach statt überwältigt

Freundlich heißt: Du redest mit dir in einem Ton, den du auch einem Kollegen zumuten würdest. Verbunden heißt: Du weißt, dass es anderen genauso geht – du bist nicht der Einzige, der das noch nicht kann. Wach heißt: Du nimmst wahr, dass es wehtut, ohne darin zu versinken.

Das Überraschende: Selbstmitgefühl macht nicht bequem, sondern leistungsfähiger. Menschen mit mehr Selbstmitgefühl vergleichen sich weniger mit anderen und grübeln weniger – ihr Selbstwertgefühl ist stabiler, weil es nicht an jedem Erfolg hängt. In Experimenten lernten Menschen, die nach einem schlecht gelaufenen Test freundlich mit sich umgingen, danach länger für den nächsten Versuch als die, denen man nur Mut zugesprochen hatte.

Und dann der Befund, der für dich am wichtigsten ist: Führungskräfte, die zehn Arbeitstage lang morgens kurz aufschrieben, wann sie in einer schwierigen Führungssituation geduldig mit sich waren, halfen an diesen Tagen ihrem Team mehr – bei Aufgaben und bei persönlichen Sorgen. Kolleginnen, Mitarbeiter und Vorgesetzte erlebten sie an diesen Tagen als kompetenter und respektvoller. Am stärksten wirkte das bei denen mit der wenigsten Macht – bei Einsteigern. Das ist keine Meinung aus dem Seminarraum, sondern das Ergebnis kontrollierter Experimente.

Was Selbstmitgefühl ist – und was nicht

Selbstmitgefühl ist

  • den Fehler ernst nehmen, ohne dich kleinzumachen
  • dir sagen, was du einem Freund sagen würdest
  • den nächsten Schritt suchen

Selbstmitgefühl ist nicht

  • „Wie kann man nur so blöd sein“ – Härte gegen dich
  • „Passiert halt“ – eine Ausrede ohne Folgen
  • Selbstmitleid, bei dem dein Team die Rechnung zahlt

Das Werkzeug: die Freundes-Pause

Drei Sätze für den Moment, in dem der innere Kritiker loslegt – nach dem Service, nach der Beschwerde, auf dem Heimweg.

1
Benennen„Das ist gerade schwer.“ Du nimmst wahr, was los ist, statt es wegzudrücken oder darin zu versinken.
2
Verbinden„Das passiert jeder Führungskraft irgendwann.“ Du bist einer von vielen, die das gerade lernen.
3
Weitergehen„Was würde ich jetzt einem Freund raten?“ Und dann tust du genau das – freundlich im Ton, klar in der Sache.
So sieht das an einem Beispiel aus

Der junge Restaurantleiter vom Anfang, halb zwei in der Nacht. Die vergessene Reservierung, der laute Gastgeber, der Blick des Direktors.

Benennen → „Das war richtig unangenehm. Und ich ärgere mich über mich.“

Verbinden → „Jede neue Führungskraft verbockt im ersten Jahr einmal etwas vor Gästen. Mein Direktor bestimmt auch.“

Weitergehen → „Einem Freund würde ich sagen: Bedank dich morgen beim Team fürs Improvisieren, ruf den Gastgeber an – und trag ab sofort jede Reservierung ein, bevor du auflegst.“ Genau das macht er.

Die Gegenprobe: Endet der dritte Satz nicht bei einem nächsten Schritt, sondern bei „war halt ein stressiger Abend“, dann war es kein Selbstmitgefühl, sondern eine Ausrede. Freundlichkeit ist der Ton. Der nächste Schritt ist der Inhalt.

Zwei weitere Szenen aus dem Betrieb

Die ehemalige Kollegin. Du bist seit Kurzem Chef de Rang, und die Kollegin, mit der du letztes Jahr noch gemeinsam Pause gemacht hast, widerspricht dir vor dem Team. Dein innerer Kritiker: „Die nimmt mich nicht ernst – und sie hat recht.“

Benennen: „Das hat gesessen.“ · Verbinden: „Ehemalige Kollegen zu führen, ist für fast jeden am Anfang das Schwerste.“ · Weitergehen: „Einem Freund würde ich raten: Sprich sie morgen unter vier Augen an – nicht als Abrechnung, sondern um zu klären, wie ihr jetzt zusammenarbeitet.“

Die erste Kritik vom Direktor. Nach dem Monatsgespräch steht fest: Die Personalplanung für die Wochenenden war zu knapp. Dein innerer Kritiker: „Jetzt weiß er, dass er mit mir die falsche Wahl getroffen hat.“

Benennen: „Das tut weh, weil mir die Rolle wichtig ist.“ · Verbinden: „Jeder Direktor hat Führungskräfte, die im ersten Jahr nachjustieren müssen – dafür gibt es Monatsgespräche.“ · Weitergehen: „Einem Freund würde ich raten: Frag nach, woran er es festmacht, und bring beim nächsten Mal einen Plan mit, der zwei Varianten zeigt.“

Kurz und nachprüfbar – woher das Wissen kommt

Diese Einheit kommt ohne Namen und Jahreszahlen aus. Wer nachsehen will, findet hier, worauf sich die Aussagen stützen.

  • Dass das Selbstwertgefühl bis weit ins Erwachsenenalter wächst. Ulrich Orth, Ruth Yasemin Erol und Eva Luciano, Psychological Bulletin, 2018: Auswertung von 331 Stichproben mit rund 165.000 Menschen. Starker Anstieg zwischen 15 und 30, danach langsamer bis etwa 60.
  • Dass mehr Selbstwert nicht automatisch besser macht. Roy Baumeister, Jennifer Campbell, Joachim Krueger und Kathleen Vohs, Psychological Science in the Public Interest, 2003: große Übersichtsarbeit. Die Vorteile eines hohen Selbstwerts für Leistung, Beziehungen und Gesundheit werden überschätzt; die Zusammenhänge sind meist nur Korrelationen, und hoher Selbstwert schließt auch überhebliche und narzisstische Menschen ein.
  • Dass ein Selbstwert, der an Bedingungen hängt, teuer ist – auch das Beispiel mit den Noten. Jennifer Crocker und Lora Park, „The Costly Pursuit of Self-Esteem“, Psychological Bulletin, 2004. Wer seinen Wert an Bedingungen knüpft, zahlt mit Lernen, Beziehungen, Selbstständigkeit und Gesundheit; bei Studierenden, deren Selbstwert an Noten hing, sank er an Tagen mit schlechten Noten deutlich.
  • Die drei Teile des Selbstmitgefühls. Kristin Neff, University of Texas, hat das Konzept 2003 beschrieben: Freundlichkeit mit sich selbst, gemeinsames Menschsein, Achtsamkeit.
  • Dass Selbstmitgefühl ein stabileres Selbstwertgefühl mit sich bringt. Kristin Neff und Roos Vonk, Journal of Personality, 2009, mit über 2.000 Teilnehmenden: weniger Vergleiche mit anderen, weniger Grübeln, stabileres Selbstwertgefühl. Hoher Selbstwert – nicht Selbstmitgefühl – hing mit Narzissmus zusammen.
  • Dass Menschen nach einem Misserfolg mit Selbstmitgefühl länger lernen. Juliana Breines und Serena Chen, Personality and Social Psychology Bulletin, 2012, vier Experimente: Nach einem schlecht gelaufenen Test lernten die Teilnehmenden in der Selbstmitgefühl-Gruppe länger für den nächsten als die Gruppe, deren Selbstwert gestärkt wurde.
  • Der Befund zu Führungskräften und das 10-Tage-Protokoll. Klodiana Lanaj, Remy Jennings, Susan Ashford und Satish Krishnan, Journal of Applied Psychology, 2022. Zwei Feldexperimente; im ersten 77 Führungskräfte über zehn Arbeitstage, täglich eingeschätzt von Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitenden und Vorgesetzten. Die Schreibfrage im Protokoll folgt dem Wortlaut der Studie. Bei Führungskräften mit wenig formaler Macht war die Wirkung stärker.
  • Die Freund-Frage und die Freundes-Pause. Zusammengestellt aus zwei Übungen von Kristin Neff („How would you treat a friend?“ und „Self-Compassion Break“), frei zugänglich auf self-compassion.org. Die Übertragung auf den Führungsalltag ist meine.
  • Die sechs Säulen. Nathaniel Branden, „Die 6 Säulen des Selbstwertgefühls“, im Original „The Six Pillars of Self-Esteem“, 1994. Die Kurzbeschreibungen der Säulen sind für diese Einheit vereinfacht.
  • Zum Weiterlesen. Kristin Neff, „Selbstmitgefühl“. Kürzer: Serena Chen, „Give Yourself a Break: The Power of Self-Compassion“, Harvard Business Review, 2018.
Praxis & Umsetzung

Drei Übungen

1

Die Freund-Frage

Denk an einen Fehler aus den letzten Wochen, der dir noch nachgeht. Wie redest du mit dir – und wie würdest du mit einem Freund reden?

So baust du deinen Satz: die Felder von oben nach unten ausfüllen – der fertige Satz setzt sich darunter von selbst zusammen. Dann kopieren und mitnehmen. Was du hier schreibst, bleibt in deinem Browser.

Was sagst du dir nach so einem Fehler?
Was würdest du einem guten Freund in derselben Lage sagen?
✓ Kopiert
2

Der Säulen-Check

Ein Klassiker der Selbstwert-Literatur beschreibt sechs Säulen, auf denen ein gesunder Selbstwert steht. Keine trägt bei allen gleich viel – und am Anfang einer Führungsrolle wackelt meistens eine.

  • Bewusst lebenhinschauen, auch wenn es unangenehm ist
  • Dich selbst annehmenauch die Seiten, die dir nicht gefallen
  • Verantwortung übernehmenfür dein Handeln – nicht für alles und jeden
  • Für dich einstehenNein sagen, deine Sicht vertreten
  • Zielgerichtet handelnwissen, wofür du etwas tust
  • Zu dir stehentun, was du sagst
Welche Säule trägt bei dir gerade am wenigsten – und woran merkst du das im Dienst?
3

Dein erster Protokoll-Eintrag

Die Übung aus der Studie mit Führungskräften – einmal jetzt, damit du weißt, wie sie sich anfühlt. Zwei bis fünf Sätze reichen.

Erinnere dich an eine Situation, in der du verständnisvoll und geduldig mit dir warst, als du wegen deiner Rolle als Führungskraft Schwierigkeiten hattest. Was ist passiert, wie hast du dich gefühlt?

Fällt dir keine Situation ein? Das ist ein Befund, kein Fehler. Dann nimm eine, in der du gern geduldiger mit dir gewesen wärst – und schreib auf, was du dir hättest sagen können.

Warum ist das wichtig?

Weil dein Team jeden Tag sieht, wie du mit Fehlern umgehst.

Wie du mit deinen eigenen Fehlern umgehst, lernen deine Leute schneller als jede Regel, die du aufstellst. Wer sich für jeden Fehler niedermacht, zeigt seinem Team, dass man Fehler besser versteckt. In einem Betrieb, in dem jeden Tag hundert Dinge schiefgehen können, entscheidet genau das, ob ein Problem früh auf den Tisch kommt – oder erst beim Gast.

Und für dich selbst entscheidet es, ob du die ersten Monate als Führungskraft durchstehst oder daran wächst. Die Zweifel verschwinden nicht, nur weil man sie wegdrückt. Sie werden leiser, wenn man lernt, anders mit ihnen zu reden.

Sprich mit dir wie mit einem guten Freund: freundlich im Ton, klar in der Sache.

Selbstcheck

Hast du’s verankert?

Fünf kurze Fragen. Klick auf deine Antwort – du bekommst sofort die Auflösung.

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Dein Ergebnis

Und jetzt?

Das nimmst du mit
„Streng mit dir zu sein, fühlt sich nach Verantwortung an. Freundlich und klar mit dir zu sein, macht dich zur besseren Führungskraft.“
Deine Umsetzungsaufgabe

Das 10-Tage-Protokoll

  1. Druck dir die Protokoll-Karte aus – oder leg dir eine Notiz an. Mehr Vorbereitung braucht es nicht.
  2. Schreib zehn Arbeitstage lang jeden Morgen zwei bis fünf Sätze. Immer zur selben Frage: Wann war ich in einer schwierigen Führungssituation verständnisvoll und geduldig mit mir – was ist passiert, wie habe ich mich gefühlt?
  3. Schau nach zehn Tagen zurück. Was hat sich verändert – wie du mit deinen Fehlern umgehst und wie du mit deinem Team redest?

↓ Protokoll-Karte als PDF (A4)

Mit aufs Handy nehmen
✓ Kopiert

Tipp: Leg dir in deiner Notizen-App eine Notiz mit dem Namen „Führen im Alltag“ an und füg alles dort ein – die Schritte von hier, deinen Freundes-Satz aus der ersten Übung und die zehn Morgen-Einträge. Dann hast du alles an einem Ort.

Ausblick

Wenn du das Thema jemandem aus deinem Team weitergeben willst: Die Kurzfassung mit der Freundes-Pause und einem Selbstcheck steht offen im Netz – Weitergedacht, Ausgabe 2. Und wer tiefer einsteigen will, findet bei Kristin Neff kostenlose Übungen auf self-compassion.org (englisch).

Wenn du weitergehen willst

Ich sammle solche Einheiten in meiner Community Leadership.Führung lernen – für Führungskräfte, die nicht warten wollen, bis ihnen jemand zeigt, wie es geht.

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