Kernidee & Hintergrund
Eine Gewohnheit lässt sich nicht löschen. Nur überschreiben.
Ein großer Teil von dem, was wir jeden Tag tun, läuft als Gewohnheit: fast täglich, am selben Ort, und oft mit den Gedanken ganz woanders. In Tagebuchstudien, in denen Menschen stündlich notierten, was sie gerade taten, war das ein Drittel bis fast die Hälfte aller Handlungen. Das ist praktisch, denn der Kopf bleibt frei. Und es erklärt, warum gute Vorsätze so oft verpuffen: Eine Gewohnheit fragt nicht, was du dir vorgenommen hast. Sie springt an, wenn die Situation kommt.
Für Führungskräfte hat das eine besondere Pointe. Die hartnäckigsten Muster sind oft genau die, die dich befördert haben. Wer in der Küche, an der Rezeption oder im Service der Schnellste war, hat jahrelang geübt, sofort selbst anzupacken, jede Frage sofort zu beantworten und jeden Fehler sofort zu sehen. Das hat dich gut gemacht. Als Führungskraft wird dasselbe Muster zur Falle: Wer immer einspringt, bekommt ein Team, das wartet, bis er einspringt. Ein bekannter Führungscoach hat das in einem Satz gefasst: Was dich hierher gebracht hat, bringt dich nicht weiter.
Warum „ab morgen nicht mehr“ nicht reicht
Eine Gewohnheit ist eine gelernte Verbindung zwischen einer Situation und einer Handlung. Diese Verbindung verschwindet nicht, wenn du dir etwas anderes vornimmst. Sie wird nur überlagert. Wie stark sie ist, zeigt ein Versuch aus dem Kino: Wer es gewohnt war, im Kino Popcorn zu essen, aß dort eine Woche altes, zähes Popcorn genauso viel wie frisches. Leute mit derselben Gewohnheit aßen in einem Besprechungsraum vom alten Popcorn deutlich weniger. Nicht der Geschmack hat entschieden, sondern der Ort.
Das Unbequeme: Auch das Verbot hilft wenig. In Versuchen nahmen sich Menschen mit festen Naschgewohnheiten vor, in ihrer typischen Situation nicht zu naschen – nach dem Muster „Wenn …, dann nicht …“. Der Vorsatz ging nach hinten los: Der Snack blieb erst recht im Kopf, und gegessen wurde eher mehr als weniger, vor allem von denen mit starken Gewohnheiten. Wer sich dagegen vornahm, in genau dieser Situation etwas anderes zu tun, kam weiter. Wer sich vornimmt, nicht mehr zu unterbrechen, hat das Unterbrechen im Kopf. Wer sich vornimmt, bis drei zu zählen, hat das Zählen im Kopf.
Was stattdessen wirkt
Aus der Forschung lassen sich drei Dinge ableiten, die zusammen mehr bewirken als jeder Vorsatz.
Dich selbst erwischen. In Tagebuchstudien hielten Menschen fest, wie sie unerwünschte Gewohnheiten zu bremsen versuchten. Bei starken Gewohnheiten half nur eines wirklich: wachsam bleiben und im entscheidenden Moment innerlich „Stopp, nicht jetzt“ sagen. Die Situation zu meiden half gegen Versuchungen wie Süßes – gegen starke Gewohnheiten nicht. Erwischen ist allerdings ein Weg, kein Schalter. Am Anfang merkst du es erst danach, dann mittendrin, irgendwann vorher.
Erst danach
Mittendrin
Vorher
Ersetzen statt verbieten. Dieselben Forscher vermuten, dass das Bremsen am besten wirkt, wenn du im selben Moment etwas Neues tust. Wird das Neue immer wieder in derselben Situation getan, entsteht daraus mit der Zeit eine neue Gewohnheit, die das Alte nicht mehr bekämpfen muss. Eine andere Studie zeigt, wie das im Kopf abläuft: Ein Ersatzplan nimmt der alten Gewohnheit ihren Vorsprung. Gewonnen ist das Rennen damit aber noch nicht – das entscheidet die Wiederholung. Und bei sehr starken Gewohnheiten reicht ein Plan allein oft nicht. Dann braucht es alle drei Schritte.
Erschweren. Kleine Hürden unterbrechen den Autopiloten. Als die Kinobesucher das Popcorn mit der ungewohnten Hand essen sollten, aßen auch die Gewohnheitsesser vom alten deutlich weniger. An einer Salatbar genügten rund 25 Zentimeter mehr Abstand oder ein anderes Vorlegebesteck, damit die Leute spürbar weniger nahmen. Und Menschen mit viel Selbstdisziplin hatten in einer Alltagsstudie nicht weniger Wünsche als andere. Sie gerieten aber seltener in innere Kämpfe und mussten seltener widerstehen. Disziplin ist zu einem guten Teil Einrichtung.
Die Ersatzfrage
Nicht: Was will ich nicht mehr tun? Sondern: Was tue ich stattdessen – genau in dem Moment, in dem das Alte anspringt?
Die ehrliche Gegenrichtung: Nicht jede Fachgewohnheit muss weg
Wenn ein Gast in Gefahr ist, wenn jemand ausfällt und kein anderer da ist, wenn ein Fehler richtig teuer wird, dann pack an. Dein Können ist kein Makel, sondern ein Grund, warum dein Team dich respektiert. Der Unterschied ist nicht, ob du einspringst, sondern ob du es entscheidest. Sag es dann laut: „Ich übernehme jetzt die Fische, bis Paul zurück ist.“ So bleibt es eine Ausnahme und wird nicht wieder zum Autopiloten.
Und zwei Dinge gehören zur Ehrlichkeit dazu. Das Alte ist nicht weg, nur weil es eine Weile ruhig war – unter Druck meldet es sich wieder. Und wer sich bei jedem Ausrutscher selbst beschimpft, hört bald auf hinzuschauen. Erwischen heißt bemerken, nicht bestrafen. Wie du dabei freundlich mit dir bleibst, steht in der Einheit Selbstwert.
Das Denkwerkzeug: die Gewohnheits-Inventur
Sechs Muster, die fast jede Führungskraft aus ihrer Fachzeit mitbringt. Jedes war einmal eine Stärke. Geh sie durch und frag dich bei jedem: Kenne ich das von mir – und was kostet es mein Team heute?
Sofort selbst einspringen
Früher gut für: Tempo und Qualität.
Heute kostet es: Dein Team wartet, bis du kommst – und dir fehlt der Überblick.
Möglicher Ersatz: zuerst fragen: „Was brauchst du?“
Die Lösung gleich mitliefern
Früher gut für: schnelle Antworten.
Heute kostet es: Niemand denkt mehr selbst – jede Frage landet bei dir.
Möglicher Ersatz: „Was würdest du machen?“ – und erst dann ergänzen.
Zuerst den Fehler sehen
Früher gut für: die Qualitätskontrolle.
Heute kostet es: Dein Team hört von dir fast nur Kritik.
Möglicher Ersatz: beim Rundgang zuerst eine Sache nennen, die passt.
Ins Wort fallen
Früher gut für: Tempo im Service.
Heute kostet es: Die Leute sagen dir nicht mehr, was sie wirklich denken.
Möglicher Ersatz: ausreden lassen, bis drei zählen, nachfragen.
Alles nachkontrollieren
Früher gut für: Sicherheit.
Heute kostet es: Vertrauen – und keiner übernimmt Verantwortung.
Möglicher Ersatz: einen Kontrollpunkt vereinbaren, statt ständig nachzusehen.
Immer sofort erreichbar
Früher gut für: Service ohne Wartezeit.
Heute kostet es: Du hast keine ruhige Minute, und dein Team ruft dich für alles.
Möglicher Ersatz: feste Zeiten, zu denen du zurückrufst.
Warum der Blick so leicht zum Fehler wandert, steht in Die Energie folgt deiner Aufmerksamkeit. Was gutes Zuhören bewirkt, in Teil 1, 4.1 Zuhören = Führen. Und welcher innere Antreiber hinter deinem Muster steckt, zeigt dir der Antreiber-Check in sechs Minuten.
Das Werkzeug: der Gewohnheits-Umbau
Hast du dein Muster gefunden, baust du es in drei Schritten um. Einer allein trägt selten.
1
ErwischenFinde den Auslöser: Wann genau springt das Muster an – an welchem Ort, zu welcher Zeit, bei welchem Menschen, mit welchem Gefühl? Und sag dir in dem Moment: Stopp, nicht jetzt.
2
ErsetzenLeg fest, was du stattdessen tust – genau in diesem Moment, nicht irgendwann. Klein genug, dass es auch am vollsten Abend geht.
3
ErschwerenBau dem Alten eine Hürde und dem Neuen eine Abkürzung. Was das Alte einen Schritt mehr kostet, passiert seltener von allein.
So sieht das an einem Beispiel aus
Die Küchenchefin vom Anfang, nach dem Samstag am Fischposten.
Erwischen → „Es passiert, wenn mehr als sechs Bons hängen und mein Sous-Chef zögert. Dann zieht es mich an den Herd. Ab jetzt sage ich mir genau da: Stopp, erst fragen.“
Ersetzen → „Statt selbst zu braten, gehe ich zu ihm und frage: ‚Was brauchst du?‘ Braucht er Hilfe, schicke ich jemanden vom kalten Posten – nicht mich.“
Erschweren → „Am Wochenende bleiben meine Messer im Büro. Wer an den Herd will, muss sie erst holen – das reicht als Hürde.“
Am zweiten Samstag steht sie trotzdem wieder zehn Minuten am Herd. Am vierten merkt sie es, bevor sie losgeht. Und ihr Sous-Chef hat inzwischen selbst eine Lösung für den Stau gefunden: Er lässt die Vorspeisen am kalten Posten anrichten. Bis das Neue von allein läuft, vergehen eher Monate als Wochen. Angefangen hat es beim ersten Erwischen.
Und wenn du gar nicht merkst, wann es anspringt?
Das ist bei Gewohnheiten normal – sie laufen ja gerade dann, wenn du nicht hinschaust. Zwei Wege helfen. Bitte jemanden, dem du vertraust: „Sag mir, wenn ich dir wieder ins Wort falle.“ Ein Zeuge sieht, was du nicht siehst – das kennst du aus der Übungsschleife im Gesetz der Praxis.
Und schau abends zurück: Wo ist es heute passiert, und was war direkt davor? Nach ein paar Tagen erkennst du das Muster. Meistens ist es derselbe Moment.
Kurz und nachprüfbar – woher das Wissen kommt
Diese Einheit kommt ohne Namen und Jahreszahlen aus. Wer nachsehen will, findet hier, worauf sich die Aussagen stützen.
- Dass ein Drittel bis fast die Hälfte des Alltags Gewohnheit ist. Wendy Wood, Jeffrey Quinn und Deborah Kashy, Journal of Personality and Social Psychology, 2002: zwei Tagebuchstudien mit stündlichen Einträgen. 35 und 43 Prozent der Handlungen wurden fast täglich und meist am selben Ort ausgeführt; die Gedanken waren dabei oft bei etwas anderem.
- Dass dich gerade deine Stärken ausbremsen können. Marshall Goldsmith mit Mark Reiter, „What Got You Here Won’t Get You There“, 2007: zwanzig Gewohnheiten erfolgreicher Leute, die sie auf der nächsten Stufe ausbremsen, darunter der Drang, zu allem noch etwas beizutragen, und überall gewinnen zu müssen. Erfahrung aus dem Coaching, keine Studie.
- Dass im Kino der Ort entscheidet, nicht der Geschmack – und dass die ungewohnte Hand den Autopiloten unterbricht. David Neal, Wendy Wood, Mengju Wu und David Kurlander, Personality and Social Psychology Bulletin, 2011: Wer gewohnt im Kino Popcorn aß, aß dort eine Woche altes so viel wie frisches, im Besprechungsraum nicht. Mit der ungewohnten Hand aßen auch die Gewohnheitsesser vom alten deutlich weniger.
- Dass „Wenn …, dann nicht …“ nach hinten losgeht. Marieke Adriaanse und Kollegen, Personality and Social Psychology Bulletin, 2011, „Planning What Not to Eat“: Verneinende Vorsätze erzeugten Rückpralleffekte im Denken und im Verhalten, vor allem bei starken Gewohnheiten. Vorsätze, die ein Ersatzverhalten festlegten, nicht.
- Dass ein Ersatzplan dem Alten den Vorsprung nimmt, das Neue aber noch nicht automatisch macht. Marieke Adriaanse, Peter Gollwitzer und Kollegen, Personality and Social Psychology Bulletin, 2011, drei Experimente.
- Dass ein Plan allein bei sehr starken Gewohnheiten oft nicht reicht. Thomas Webb, Paschal Sheeran und Aleksandra Luszczynska, British Journal of Social Psychology, 2009: Beim Rauchen half ein Wenn-dann-Plan bei schwachen und mittleren Gewohnheiten, bei starken nicht.
- Dass bei starken Gewohnheiten das Erwischen hilft – am besten zusammen mit etwas Neuem. Jeffrey Quinn, Anthony Pascoe, Wendy Wood und David Neal, Personality and Social Psychology Bulletin, 2010: zwei Tagebuchstudien mit 99 und 33 Studierenden über eine bzw. zwei Wochen, dazu ein Experiment. Nur wachsames Beobachten half gegen starke Gewohnheiten; die Situation zu meiden half gegen Versuchungen, nicht gegen starke Gewohnheiten. Dass es langfristig zusammen mit einer neuen Handlung am besten wirkt, ist die Vermutung der Autoren.
- Dass kleine Hürden wirken. Paul Rozin und Kollegen, Judgment and Decision Making, 2011: An einer Salatbar senkten rund 25 Zentimeter mehr Abstand oder ein anderes Vorlegebesteck die genommene Menge um etwa 8 bis 16 Prozent.
- Dass Disziplin zu einem guten Teil Einrichtung ist. Wilhelm Hofmann und Kollegen, Journal of Personality and Social Psychology, 2012: 205 Erwachsene meldeten eine Woche lang 7.827 Wünsche und Versuchungen. Wer viel Selbstkontrolle hatte, hatte nicht weniger Wünsche, aber weniger innere Konflikte und widerstand seltener. Brian Galla und Angela Duckworth, Journal of Personality and Social Psychology, 2015, sechs Studien mit 2.274 Personen: Selbstkontrolle wirkt zu einem guten Teil über gute Gewohnheiten.
- Was hier über Führung steht, steht so nicht bei ihnen. Die Studien stammen aus dem Alltag von Studierenden und Erwachsenen, nicht aus Hotels. Die Gewohnheits-Inventur, der Dreischritt Erwischen · Ersetzen · Erschweren und das Beispiel sind meine Übertragung.